Technik
ifo Institut: Digitalisierung birgt Gesundheitsrisiko außerhalb klassischer Bürojobs
München 23.09.2026
– Bei Beschäftigten mit überwiegend körperlichen Tätigkeiten geht mehr Digitalisierung des Arbeitsplatzes mit schlechterer Gesundheit und mehr Krankheitstagen einher. Das zeigt eine neue Studie des ifo Instituts gemeinsam mit dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und der Universität Konstanz. „Beschäftigte ohne klassische Bürojobs berichten bei stärkerer Digitalisierung von geringerem gesundheitlichem Wohlbefinden und mehr Fehlzeiten“, sagt Oliver Schlenker, stellvertretender Leiter des Ludwig Erhard ifo Zentrums für Soziale Marktwirtschaft in Fürth. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass der digitale Wandel bestehende gesundheitliche Ungleichheiten verstärken könnte.“
Die Studie vergleicht zwei Gruppen: Beschäftigte mit überwiegend körperlichen Tätigkeiten und Beschäftigte mit überwiegend geistigen oder bürotypischen Tätigkeiten. Beide Gruppen erleben im Zuge der Digitalisierung, der zunehmenden Nutzung intelligent-vernetzter Soft- und Hardware zu der auch KI gehört, ähnlich starke Veränderungen im Job: Die Aufgaben werden komplexer, Zeit- und Leistungsdruck nehmen zu. Dennoch berichten lediglich Beschäftigte mit körperlichen Tätigkeiten, dass sich ihr Gesundheitszustand deutlich verschlechtert. Sie fehlen digitalisierungsbedingt im Schnitt rund 20 Prozent mehr Tage im Jahr. Bei den Büro- und Wissensberufen zeigt sich hingegen kein nachweisbarer negativer Zusammenhang. Die Digitalisierung könnte damit bestehende gesundheitliche Ungleichheiten verschärfen, denn gerade Beschäftigte mit körperlichen Tätigkeiten und niedriger formaler Bildung sind ohnehin bereits häufiger gesundheitlich belastet. „Eine mögliche Erklärung ist Technostress: Neue digitale Anforderungen können besonders dann belasten, wenn Beschäftigten die nötigen Kenntnisse und Erfahrungen fehlen“, sagt Schlenker.
Gezieltes Digital-Training und Unterstützung seitens des Arbeitgebers scheinen den Zusammenhang abzumildern. Betroffene Beschäftigte, die an Schulungen teilnehmen, zeigen kaum schlechtere Gesundheit und keine zusätzlichen Fehltage. Auch eine unterstützende Führungskultur scheint entlastend. Beschäftigte, die sich von ihren Vorgesetzten gut unterstützt fühlen, haben deutlich weniger zusätzliche Krankheitstage, wenn ihr Arbeitsplatz digitaler wird. Zugleich finden die Forschenden keinen Hinweis darauf, dass steigende Löhne die gesundheitlichen Belastungen ausgleichen.
Die Studie grenzt Digitalisierung klar von klassischer Computerisierung ab. Während Computer und Standardsoftware schon lange zum Alltag vieler Beschäftigter gehören, meint Digitalisierung hier vor allem smarte Technik. Dazu gehören vernetzte Maschinen, Sensoren, Big-Data-Anwendungen, Robotik, Künstliche Intelligenz oder virtuelle und erweiterte Realität.
Für ihre Analyse nutzen die Forschenden repräsentative Betriebs- und Beschäftigtenbefragungen zur Nutzung digitaler Technologien sowie Sozialversicherungsdaten von 2011 bis 2019. Die Studie misst Gesundheit auf zwei Arten. Zum einen bewerten Befragte ihre eigene Gesundheit auf einer Skala von 0 bis 10. Zum anderen erfasst die Studie die Zahl der Krankheitstage im Jahr vor der Befragung. Andere Einflüsse wie Alter, Einkommen, Bildung, frühere Gesundheit, Persönlichkeit, Branche, Beruf und Betriebsmerkmale sind dabei statistisch berücksichtigt.