Berlin
Wer bestimmt, wie wir 2046 reisen?
Berlin 14.04.2026
– Von KI-Agenten, die unsere Reisen buchen, bis hin zu Städten, die Besucherzugänge begrenzen: Ein neuer Executive Brief 2026 von Phocuswright und der ITB Berlin zeigt, wie Vertrauen, Daten und Ungleichheit das globale Reisen in den kommenden zwei Jahrzehnten neu definieren könnten.
Wer wird das Reisen im Jahr 2046 bestimmen: KI-Konzerne, Staaten oder die Reisenden selbst? Wovon hängt in einer KI-geprägten Branche künftig der wirtschaftliche Erfolg ab? Und bleibt Reisen für alle zugänglich – oder wird es zum Privileg? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des ersten „Leadership Exchange“, den das international tätige Marktforschungs- und Analyseunternehmen für die Reisebranche Phocuswright gemeinsam mit der ITB Berlin am 3. März 2026 im CityCube Berlin veranstaltete.
Ein Blick ins Jahr 2046: KI-Unternehmen steuern globale Datenströme, Reisende verlassen sich auf intelligente Assistenten bei der Reiseplanung- und buchung, und manche Destinationen begrenzen den Zugang, um dem Massentourismus entgegenzuwirken. Das ist keine Science-Fiction, sondern eines von mehreren realistischen Zukunftsszenarien, die führende Köpfe der Reisebranche im Rahmen des nicht öffentlichen Leadership Exchange auf der ITB Berlin 2026 diskutiert haben.
Beim Leadership Exchange kamen Branchenexperten in einem vertraulichen Rahmen nach der Chatham-House-Regel zusammen. In einem Thinktank-Format diskutierten sie vier zentrale Fragen: Wem gehört das Vertrauen? Wo liegt der wirtschaftliche Wert in einer Branche, die von KI bestimmt wird? Ist Reisen ein Recht für alle oder ein Privileg? Und wird die Branche von wenigen großen Akteuren dominiert – oder zunehmend fragmentiert? Ziel war es, über reine Trenddebatten hinauszugehen und konkrete, umsetzbare Impulse für Unternehmen, Politik und weitere Akteure in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen zu liefern.
In allen Diskussionen wurde ein klares Bild sichtbar: Künstliche Intelligenz wird das Reisen deutlich einfacher und reibungsloser machen – und dabei zugleich die Machtverhältnisse in der Branche grundlegend verschieben.
„Die Reisebranche steht vor einem strukturellen Wandel, wie wir ihn seit den Anfängen der Digitalisierung nicht mehr erlebt haben“, sagte Dr. Mario Tobias, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe Berlin. „Mit dem Leadership Exchange haben wir ein Format geschaffen, in dem Entscheider nicht nur über die Zukunft sprechen, sondern sie aktiv mitgestalten. Die Entscheidungen, die wir jetzt in Bezug auf Vertrauen, Daten und Wertschöpfung treffen, werden die Branche über Jahrzehnte prägen.“
Vertrauen wird zur neuen Währung
In einer von KI geprägten Welt ist Vertrauen nicht mehr fest an einzelne Anbieter gebunden. Es verteilt sich auf viele Ebenen – und gewinnt gerade dadurch an Bedeutung. Vertrauen entsteht heute nicht mehr primär durch Marken oder direkte Erfahrungen, sondern aus vielen kleinen Faktoren: etwa aus Bewertungen, nutzergenerierten Inhalten und jeder einzelnen Interaktion entlang der Customer Journey. Deshalb muss Vertrauen gezielt in alle Schritte der Reise eingebettet werden.
Gleichzeitig führen immer mehr KI-gestützte Buchungs- und Entscheidungskanäle dazu, dass Verantwortlichkeiten schwerer nachvollziehbar werden. Das erhöht kurzfristig das Risiko größerer, sogenannter „katastrophaler“ Vertrauensbrüche.
„Vertrauen ist kein Algorithmus. Es gibt kein einfaches Rezept – und künftig werden nicht nur Unternehmen, sondern auch Konsumenten danach bewertet, wie vertrauenswürdig sie sind“, sagte Mieke De Schepper, CEO der Sunweb Group.
KI verschiebt den Wert – und stellt Marken vor neue Herausforderungen
Wenn KI-Agenten Suche und Reiseplanung zunehmend übernehmen, wird Personalisierung zur größten Chance der Branche. Reiseerlebnisse lassen sich in Echtzeit individuell zuschneiden – auf Basis umfangreicher Datenanalysen und persönlicher Vorlieben.
Diese Entwicklung hat jedoch auch Konsequenzen: Klassische Anbieter könnten an Bedeutung verlieren, und selbst starke Marken riskieren, an Einfluss einzubüßen, wenn nicht mehr die Marke, sondern die „maßgebliche Informationsquelle“ zum entscheidenden Faktor wird.
„Bis 2029 wird die klassische Reiseinspiration und -suche fast keine Rolle mehr spielen. Im Mittelpunkt stehen künftig persönliche Agenten, die in unserem Auftrag handeln“, sagte Timothy O’Neil-Dunne, Strategieberater bei T2Impact.
Reisen wird leichter – und zugleich ungleicher
Technologische Entwicklungen können Reisen künftig deutlich vereinfachen und für mehr Menschen zugänglich machen. Gleichzeitig bleiben grundlegende Spannungen bestehen: Mehr Mobilität kann zwar offene, vernetzte Gesellschaften fördern, führt jedoch auch zu wachsendem Massentourismus und belastet vielerorts Infrastruktur und Lebensräume.
Parallel dazu bestimmen wirtschaftliche Ungleichheit, geopolitische Entwicklungen und regulatorische Rahmenbedingungen zunehmend darüber, wer reisen kann. Mobilität entwickelt sich damit weniger zu einem universellen Recht als vielmehr zu einem selektiven Privileg.
„Um Migration und Massentourismus zu steuern, könnte Reisen zunehmend zu einem Privileg werden. Staaten könnten den Tourismus entweder über strengere Visa-Regeln begrenzen oder Menschen durch Preisgestaltung vom Reisen ausschließen“, sagte Stephen Joyce, Global Strategy Lead bei Protect Group.
Foto: VOLKMAR OTTO © ITB Berlin