Wirtschaft
KONJUNKTURELLER DÄMPFER IM FRÜHJAHR
Berlin 12.06.2026
– Nach der wirtschaftlichen Belebung in Deutschland zu Jahresbeginn zeichnet sich im Frühjahr 2026 – vor dem Hintergrund des anhaltenden Konflikts im Nahen Osten und des damit zusammenhängenden deutlichen Energiepreisanstiegs – eine Abschwächung der konjunkturellen Dynamik im zweiten Quartal ab.
Angesichts der erhöhten geopolitischen Unsicherheiten, gestiegener Kosten für Energie und Rohstoffe sowie zunehmender Lieferkettenengpässe mehren sich am aktuellen Rand die Anzeichen für eine Abschwächung der in- und ausländischen Nachfrage, insbesondere nach Investitionsgütern. Laut jüngster Umfrage des ifo Instituts hat sich zudem der Anteil der Industrieunternehmen, die von Engpässen betroffen sind, von 7,5 Prozent im Januar auf 15,9 Prozent im Mai mehr als verdoppelt und liegt nunmehr auf dem höchsten Wert seit zweieinhalb Jahren. Vor allem Branchen mit hohem Bedarf an öl- und energieintensiven Vorprodukten wie die chemische Industrie und Hersteller von Gummi- und Kunststoffwaren spüren die Folgen der globalen Angebotsverknappung.
Nach dem Einbruch der Stimmungsindikatoren infolge der Eskalation im Nahen Osten haben sich diese zwischenzeitlich angesichts der vorläufigen Waffenruhe und der laufenden Friedensverhandlungen auf niedrigem Niveau stabilisiert. Dies spiegelt vermutlich die Erwartung einer sich abzeichnenden Annäherung im Konflikt im Nahen Osten wider. Allerdings dürfte auch in diesem Fall bis zu einer weitgehenden Normalisierung der Produktions- und Handelskapazitäten das Preisniveau für Energie noch längere Zeit deutlich erhöht und die Liefersituation bei wichtigen Vorleistungsgütern angespannt bleiben. Auch wenn sich die Stimmung in den Unternehmen zuletzt nicht weiter eingetrübt hat und aktuelle Indikatoren wie der LKW-Fahrleistungsindex für den Mai eine gewisse Erholung anzeigen, dürfte sich die Industrieproduktion angesichts der anhaltenden Belastungen in den kommenden Monaten weiter nur verhalten entwickeln.
Auch der Dienstleistungssektor bekommt die geopolitische Krisensituation und die energiepreisbedingten Kaufkraftverluste zunehmend zu spüren. Nach einer aktuellen DIHK-Umfrage vom Mai haben sich sowohl die aktuelle Geschäftslage als auch die Erwartungen von Dienstleistern deutlich eingetrübt. Ebenso verharrt der Einkaufsmanagerindex für den deutschen Dienstleistungssektor unter der Wachstumsschwelle von 50 Punkten, auch wenn sich der Rückgang der Geschäftstätigkeit zuletzt leicht abschwächte.
Auf der Nachfrageseite hält die Kaufzurückhaltung der privaten Haushalte an. Obwohl die Reallöhne im ersten Quartal mit einem Zuwachs von 1,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal weiter spürbar zulegten, tendieren der private Konsum und die konsumnahen Dienstleistungsbereiche wie Einzelhandel und Gaststättengewerbe weiter schwach. So waren die preisbereinigten Einzelhandelsumsätze (ohne Kfz) im April ebenso wie die realen Umsätze im Gastgewerbe im März weiter rückläufig. Zuletzt scheint sich die Stimmung der Konsumentinnen und Konsumenten aber auf einem niedrigen Niveau stabilisiert zu haben. Das HDE-Konsumbarometer stieg im Juni leicht an und auch das GfK-Konsumklima erholte sich moderat, wobei sich die Einkommenserwartungen etwas aufhellten, während die Anschaffungsneigung auf einem niedrigen Niveau verblieb. Solange die Energiepreise deutlich erhöht bleiben und die geopolitische Unsicherheit anhält, ist eine spürbare Erholung des privaten Konsums nicht zu erwarten.
Insgesamt deuten die aktuell vorliegenden Konjunkturindikatoren auf eine Stagnation der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung im zweiten Quartal hin, wobei nach wie vor erhebliche Risiken hinsichtlich einer erneuten Eskalation des Nahost-Konflikts, eines weiteren Anstiegs der Energie- und Rohstoffpreise sowie einer Verschärfung von Materialengpässen bestehen.
WELTWIRTSCHAFTLICHE DYNAMIK VERLANGSAMT SICH
Die weltweite Industriekonjunktur hat sich im März mit einem Rückgang der globalen Ausbringungsmenge um saisonbereinigt 1,7 Prozent gegenüber dem Vormonat spürbar abgekühlt. Während die Produktion in den Industrieländern in etwa stagnierte, brach sie in der Region des Nahen Ostens und Afrika mit – 26,0 Prozent infolge des Kriegs im Iran und der Blockade der Straße von Hormus deutlich ein. Im Vergleich zum Vorjahresmonat lag sie insgesamt nur noch um 1,3 Prozent im Plus. Die Frühindikatoren für die Weltkonjunktur weisen aktuell auf eine Stabilisierung auf niedrigem Niveau hin: Der Einkaufsmanagerindex von S&P Global für die Weltwirtschaft bewegte sich mit 51,8 Punkten im Mai seitwärts und signalisiert damit trotz des Iran-Konflikts weiterhin ein moderates Wachstum. Zum Teil dürfte dies damit zusammenhängen, dass Kunden ihre Nachfrage vorzogen, um erwartete Preissteigerungen und Lieferengpässe abzufedern. Die Stimmung in der Industrie (52,6 Punkte) übertraf im Mai zum dritten Mal in Folge die im Dienstleistungsgewerbe (51,3 Punkte). Die Konjunkturerwartungen der Finanzinvestoren bleiben dagegen weiter eher optimistisch: Ungeachtet der anhaltend hohen Unsicherheit über den weiteren Verlauf des Konflikts im Nahen Osten ist der Sentix-Konjunkturindex im Juni um 4,4 auf 8,0 Punkte gestiegen. Dabei verbesserten sich sowohl die Lageeinschätzung als auch die Erwartungen mit Blick auf die Weltkonjunktur.
Der weltweite Güterhandel ging im März im Vormonatsvergleich erstmals seit August 2025 mit – 2,1 Prozent spürbar zurück. Infolge der faktischen Sperrung der Straße von Hormus sank der Außenhandel Afrikas und des Nahen Ostens deutlich. Darüber hinaus kam es zu kräftigen Rückgängen bei den Exporten Chinas sowie der asiatischen Schwellenländer, die zum Teil wohl mit dem in diesem Jahr spät liegenden chinesischen Neujahrsfest zusammenhängen dürften. Gegenüber März 2025 lag das globale Handelsvolumen insgesamt noch um 2,9 Prozent im Plus, im Vormonat hatte es den Vorjahreswert noch um 7,6 Prozent übertroffen.
Schiffsbewegungs- und Containerumschlagsdaten weisen für das zweite Quartal auf weitere Rückgänge hin. Der RWI/ISL-Containerumschlagindex ist im April angesichts der anhaltenden Sperrung der Straße von Hormus erneut von 142,2 auf 141,2 Zähler gesunken. Der Nordrange-Index für die Entwicklung im nördlichen Euroraum gab um 1,5 Punkte auf 118,5 Punkte nach. Besonders deutlich ging die Dynamik in den chinesischen Häfen zurück. Laut RWI dürften Lieferkettenstörungen durch den Konflikt im Nahen Osten und eine sinkende Nachfrage wesentlich dazu beigetragen haben. Auch der Trade Monitor des Internationalen Währungsfonds ist im April zum ersten Mal seit rund drei Jahren in den negativen Bereich gerutscht und deutet auf eine rückläufige Handelsaktivität hin.
Aktuelle Prognosen für die weltwirtschaftliche Entwicklung gehen unter der Annahme einer baldigen Beruhigung des Konflikts im Nahen Osten von BIP-Wachstumsraten von rund drei Prozent für das laufende und das kommende Jahr aus, betonen aber die erheblichen Abwärtsrisiken bei länger anhaltenden und höheren Energiepreisen und Lieferkettenstörungen. Auch für den Welthandel werden spürbare Beeinträchtigungen und damit – trotz des Booms im Handel mit KI-bezogenen Gütern – deutlich geringere Zuwächse als im vergangenen Jahr prognostiziert.